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Leitsätze
Glaube und Kirche
Das "Apostolische Glaubensbekenntnis", das uns seit den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte überliefert ist, enthält die grundlegenden Leitsätze unseres Glaubens.
Um den Gläubigen die Inhalte dieses Basisdokuments unseres Glaubens neu nahe zu bringen, findet allmonatlich ein Glaubensgespräch statt unter dem Generalthema "Glaube und Kirche".
Das "Apostolische Glaubensbekenntnis", das uns seit den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte überliefert ist, enthält die grundlegenden Leitsätze unseres Glaubens.
Um den Gläubigen die Inhalte dieses Basisdokuments unseres Glaubens neu nahe zu bringen, findet allmonatlich ein Glaubensgespräch statt unter dem Generalthema "Glaube und Kirche".
Hier die nächsten Termine im Pfarrsaal (Kleinen Saal des Antoniushauses) jeweils um 19.30 Uhr:

(Plakat: Monika Schart)
Dienstag, 22. Mai:
"Mittelalterliche Erneuerungsbewegungen bis zu Gregor VII".
Donnerstag, 28. Juni:
"Der Investiturstreit und seine vorläufige Beilegung im Wormser Konkordat."
Donnerstag, 26. Juli:
"Liturgie und Frömmigkeit bis ins 11. Jahrhundert."
Referent ist jeweils Pfarrer Dr. Anton Hierl.
"Gott tritt aus der Kirche aus"
Predigt zum 1. Fastensonntag von Univ.-Prof. em. Dr. Karl Schlemmer
"Als die Nachricht um die Erde lief, Gott sei aus der Kirche ausgetreten, wollten viele das nicht glauben.
Lügenpropaganda und Legende, sagten sie, bis die Oberen und Mächtigen der Kirche sich erklärten und in einem sogenannten Hirtenbrief Folgendes erzählten:
‚Wir, die Kirche, hatten Gott, dem Herrn, in aller Freundschaft nahegelegt, doch das Weite zu suchen, aus der Kirche auszutreten und gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört hat: seine Leichtigkeit und Barmherzigkeit....seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben...seine Großzügigkeit bis zur Selbstaufgabe. Darum haben wir, die Kirche, ihn und seine große Güte unter Hausarrest gestellt. Möglichst weit entlegen, dass er keinen Unsinn macht und fast kaum zu finden ist.' "
Dieser Text stammt nicht von mir, sondern vom Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch.
Es ist ein irgendwie verrückter Gedankengang, eine pfiffige und humorvoll verpackte Kritik an der Kirche. Gott muss also aus der Kirche austreten, weil seine Weite nicht in deren enge Vorschriften und Denkmuster passt.
Gott muss aus der Kirche austreten, weil seine Leichtigkeit die schweren Dogmen und Glaubenssätze sprengt.
Gott muss aus der Kirche austreten, weil seine Barmherzigkeit die wiederverheiratet Geschiedenen und die verheirateten Priester nicht aus seiner Liebe verbannt.
Gott muss aus der Kirche austreten, weil seine Großzügigkeit und Güte die kleinlichen und hartherzigen Christen verwirrt.
Gott muss aus der Kirche austreten, weil inzwischen hoch anerkannte und kirchlich engagierte Persönlichkeiten wie unser früherer bayerischer Kultusminister Hans Maier von gewissen Bischöfen durch Auftrittsverbote an den Rand der Kirche oder gar hinausgedrängt werden, da sie sich bei der Schwangerenkonfliktberatung, wo der Vatikan sich völlig verrannt hat, zum Verein "Donum vitae" bekennen, der bis jetzt weit über zehntausend Kindern das Leben gerettet hat.
Gott muss aus der Kirche austreten, weil z. B. hier in Erlangen und auch anderswo selbstgerechte und arrogante Jungpriester glaubende Christen vom Empfang des Herrenleibes ausschließen, weil sie nicht systemkonform sind.
Gott muss aus der Kirche austreten, weil wir in der Kirche keine faire Streitkultur pflegen, da Mitchristen mit anderen Prägungen und Glaubenswegen misstrauisch beäugt, verunglimpft und ausgegrenzt werden, ja es wird ihnen sogar der Glaube abgesprochen.
Hanns Dieter Hüsch macht sich damit zum Sprecher all derer, die in unserer Kirche Weite, Leichtigkeit, Großzügigkeit und Barmherzigkeit vermissen, die etwas von der Freiheit eines Christenmenschen spüren und erleben wollen.
Doch das Bild, in dem sich die Kirche, gerade auch nach den Missbrauchsfällen, zur Zeit präsentiert, ist für einen Großteil der katholischen Christen neben gewissen gesellschaftlichen Entwicklungen und der fortschreitenden Säkularisierung großer Lebensbereiche mitentscheidend für deren Entfremdung und innerer Auswanderung.
Wie soll denn eine reformresistente und unglaubwürdige Kirche, in der immer noch (oder wieder) ein unausstehliches Machtgehabe gewisser Hierarchen vorherrscht, ein glaubwürdiges und überzeugendes Gottesbild vermitteln?
Jesus jedoch sagt: "Bei euch aber soll es nicht so sein" (Mk 10, 43)!
Insofern ist die gegenwärtige Gottes- und Glaubenskrise die Konsequenz aus der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche.
Wenn viele vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben, dann muss eben Gott aus der Kirche austreten.
Und somit ist dann auch die Weitergabe des christlichen Glaubens nicht mehr selbstverständlich und gesichert.
Zudem ist der Vorrat an gemeinsamen Glaubensüberzeugungen weitgehend erschöpft oder wenigstens verringert.
Die Substanz einvernehmlicher Werte bröckelt immer mehr ab. Selbst der allenthalben feststellbare Boom des Religiösen erweist sich bei genauerem Hinsehen als zweifelhafter Trost. Von einer Renaissance, von einer Wiederkehr der Religion, wie manche sie herbeireden wollen, sind wir gegenwärtig weit entfernt.
Demgegenüber aber gibt es ein tiefes Verlangen nach Religiosität und Orientierung.
Dieses Verlangen wird allerdings gerade von unserer Kirche nicht gestillt, da ihre oft traditionalistischen und von keiner Liebenswürdigkeit und geistlichen Dimension geprägten Pastoralstrategien sie in unseren Breitengraden zunehmend in die Bedeutungslosigkeit führen.
Unsere Kirche befindet sich sozusagen in einer Art Schlafzustand, da sie die politische Dimension des Evangeliums aus dem Auge verloren hat und von sich aus keine Themen aufgreift, welche die Gesellschaft berühren, und umgekehrt auch keine eigenen Themen - wie z. B. das Sakrament der Versöhnung - auf attraktive Weise auf den Weg bringt.
Zudem redet Kirche offenbar an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, da sie sich fast ausschließlich in der "Sprache Kanaans", das heißt in einem Theologenjargon oder -kauderwelsch äußert, mit dem heutzutage kaum jemand etwas anzufangen weiß.
Die Sprache der Kirchenleute ist seit langem nicht mehr die Sprache der Menschen, sie ist völlig abgehoben, gespreizt und "wonnebrunserisch" (wie es mein Kaplanschef in Nürnberg gelegentlich vermerkt hat) und ganz weit weg vom heutigen Menschen.
In den Kirchen sollte man sich ein Beispiel nehmen an Papst Johannes XXIII., der in all seinen Predigten und Ansprachen in einer schlichten Unmittelbarkeit ausgesprochen hat, was ihn jeweils bewegte. Und dies geschah mit ungekünstelter Ungezwungenheit, mit bescheidener und überzeugender Liebenswürdigkeit; diese Sprache kam bei den Menschen an.
Bei unserer Betrachtung am Beginn der heurigen Fastenzeit geht es mir nicht um eine Kirchenbeschimpfung und um all "die da oben in der Kirche", sondern mir geht es in großer Sorge um uns alle, denn wir alle sind Kirche.
Im eben gehörten Evangelium des ersten Fastensonntags sagt Jesus den Leuten in Galiläa: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1, 15) Dies bedeutet für einen jeden von uns, ob oben oder unten, dass Offenheit, Herzlichkeit und Freude wieder die Markenzeichen von uns Christen werden, dass der Geist der Freiheit neu durch unsere Kirche weht.
So lädt uns der Beginn der österlichen Bußzeit dazu ein, dass jeder auf seiner Ebene Zeichen setzt, eine Haltung von Verantwortung in Freiheit annimmt und sich dafür engagiert, dass Gottes Reich der Liebe und des Friedens in unserer Welt eine Spur deutlicher zu erkennen ist. Und mein eigenes Leben sollte dazu dienen, dass suchende Menschen hoffnungsvoller, zufriedener und zuversichtlicher leben können. Sie sollten an mir die Menschenfreundlichkeit Gottes, seine Weite, seine Leichtigkeit, seine Großzügigkeit und Barmherzigkeit entdecken können.
Doch in die derzeitige kirchliche Großwetterlage gehört nun auch, Dinge auszuhalten und zu ertragen.
Wir können den Mega-Trend nicht stoppen. Und wir müssen mit der Tatsache leben: Auch wenn ich den Blick auf die Frohe Botschaft öffne, können doch noch andere davor stehen, die sie verstellen. Wir brauchen deswegen ein dickes Fell, eine hohe Toleranzgrenze und einen ganz langen Atem, durchwirkt vom Heiligen Geist.
Die Postmoderne, in der wir leben, gilt unter Soziologen allgemein als "religionsfreundlich".
Wir haben es uns zu einem großen Teil selbst zuzuschreiben, wenn die Kirche trotzdem als Verlierer der Postmoderne dasteht, weil nicht zuletzt von höchster Stelle die "Diktatur des Relativismus" dauernd beklagt wird. Noch haben wir Möglichkeiten. Aber die Zeit drängt. Als "konzilsgeschädigter" Priester und Theologieprofessor - als solcher wurde ich schon mal von stockkonservativen, arroganten Jungklerikern verhöhnt -, der ich im Pontifikat von Papst Johannes XXIII. zum Priester geweiht wurde, bin ich schon sehr verbittert, wenn man sehen muss, wie die von diesem Papst weit geöffneten Fenster der Kirche von bornierten Traditionalisten wieder geschlossen werden und der befreiende Aufbruch massiv zurückgedreht wird.
Doch "Kirche als purer Traditionsverein wird nicht überleben können" (Tomás Halík).
Und deshalb wünsche ich mir mit vielen anderen von unseren Bischöfen mehr Konzilstreue statt Romtreue, mehr Offenheit für die Sorgen der Gemeinden, mehr verantwortliches Reforminteresse und mutiges Eintreten dafür in Rom, wie es vor über 40 Jahren z. B. die beiden verstorbenen Kardinäle Julius Döpfner und Franz König taten und viele andere Bischöfe wie mein väterlicher Freund Anton Hänggi von Basel.
Und gerade deshalb liebe ich diese Kirche, engagiere mich für sie und kämpfe für ihre Glaubwürdigkeit.
Ich will keine andere Kirche, sondern ich will die Kirche anders; denn das Evangelium hat vielerlei Antworten, und zwar auf die Nöte, Fragen, Ängste und Ausweglosigkeiten unserer Zeit und auch der nichtkirchlichen Generationen.
Versuchen wir doch in den kommenden 40 heiligen Tagen, diese Botschaft für uns und für sie zu erschließen, das sind wir der Frohen Botschaft, noch mehr aber den Menschen in ihrer "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst" (vgl. GS 1), schuldig.
Geben wir doch dem Gott der angstfreien Liebe und dem Geist der Freiheit in unserer Kirche und in unseren Gemeinden wieder Wohnrecht! Laden wir doch auf unserer Wanderung zum Osterfest Gott ein, in die Kirche wieder einzutreten; denn wir haben durch unsere Umkehr seiner Menschenfreundlichkeit, Offenheit, Güte und Barmherzigkeit erneut ein Heimrecht in der Kirche gegeben. Und somit sind wir dann auch in der Lage, mit Freude bei der Feier der Osternacht das Halleluja hinauszuschmettern.
Univ.-Prof. em. Dr. Karl Schlemmer
(Gehalten im Sonntagsgottesdienst in Erlangen-Eltersdorf am 26. Februar 2012)
Pfingsten 2011 im Geist des Dialogs
"Wie Pfingsten möglich wird"
Schwestern und Brüder im Glauben!
Von Weihnachten und Ostern wissen wir, dass dasselbe Ereignis im Neuen Testament verschieden dargestellt wird, wobei sich die Darstellungen zwar nicht widersprechen, aber auch nicht als eine durchgehende Geschichte harmonisieren lassen.
Die Geburtsgeschichte des Lukas in Bethlehem und die Erzählung von den drei Weisen und der Flucht nach Ägypten bei Matthäus beleuchten ganz verschiedene Aspekte desselben Geschehens.
Ähnlich ist es mit den Ostergeschichten, die wir noch im Ohr haben. Für die verschiedenen Adressaten der Evangelien haben die Evangelisten eben so erzählt, dass den Hörenden klar werden sollte, was mit diesen Berichten verkündigt wird.
Dasselbe gilt auch für das Pfingstereignis, das wir heute feiern. Da gibt es, wie vorher gehört, die Erzählung von der Pfingstgeschichte in Jerusalem, es gibt aber auch die Erzählung des Auferstandenen im Johannes - Evangelium und es gibt einen Hinweis darauf, wie der Geist Gottes wirken soll, im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther.
Ganz verschiedene Ansätze zu ein und demselben Geschehen, die uns zeigen können, wie vielschichtig und doch wie zusammengehörig diese Darstellungen sind.
Blicken wir auf das Evangelium des Johannes: Es erzählt eine stille Pfingstszene - am Abend des Ostertages.
Der Auferstandene tritt, als sich die verängstigten Jünger gewissermaßen eingebunkert hatten, in ihren Kreis. Das Evangelium berichtet, dass sich die Jünger freuten, als sie den Herrn sahen. Und mit dem Wort "Friede sei mit euch" erschließt der Auferstandene eine neue Dimension.
Jesus stattet die Jünger mit seinem Geist aus: Empfangt den Heiligen Geist, nehmt ihn als tragende Kraft in Euer Leben hinein. Dann folgt ein Satz, dem man von einer sehr verengten traditionellen Auslegung befreien sollte, er heißt: "Empfangt den heiligen Geist. Wem Ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem Ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert."
Die ganze Szene als Einsetzung des Bußsakramentes zu deuten, greift zu kurz.
Gewiss hat sie zuletzt auch damit zu tun, aber nur auf der Basis eines Grundverständnisses dieses Wortes, das sich in den Jüngern an alle richtet, die zum Glauben an den Auferstandenen finden.
Der Friede des Herrn fängt in dem Maß an, in dem die Menschen miteinander im Geist der Liebe, des Verständnisses, der Nachsicht, der Vergebungsbereitschaft und der Offenheit miteinander umgehen. Lasst den pfingstlichen Geist der Vergebung und die Liebe Gottes in Eurem Leben und Zusammenleben Raum einnehmen, sagt der Auferstandene seinen Jüngern.
An diesem Auftrag kann man denken, wenn man etwa das Impulsreferat des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, zur Eröffnung der Herbst-Vollversammlung in Fulda am 20. September 2010 unter dem Thema "Zukunft der Kirche - Kirche für die Zukunft. Plädoyer für eine pilgernde, hörende und dienende Kirche" hört.
Auf die Ereignisse des Jahres 2010 zurückblickend führt der Erzbischof aus:
"Wir … haben selbst Zweifel aufkommen lassen an der Ernsthaftigkeit und Lauterkeit unseres Redens und Tuns. … Es gibt für uns keinen anderen Weg als den der Offenheit, der Ehrlichkeit und des Zuhörens. … Wir haben noch mehr zu lernen, eine Kirche des Hörens zu sein. … Man sagt über die Kirche - und meint oft konkret uns Bischöfe - wir würden zu sehr als Wissende und Lehrende und zu wenig als Lernende auftreten, meist als Sprechende und selten als Hörende. … Eine klare Option für die Menschen ist eine klare Option dafür, ihnen Gehör zu schenken. … Natürlich müssen wir auch Fragen und Kritik anhören und aushalten, auch solche, die wir nicht annehmen wollen".
Die Bischofskonferenz hat dann einen Dialogprozess beschlossen, der am 17. März unter dem Thema "Im Heute glauben" als Wort der deutschen Bischöfe an die Gemeinden von der Frühjahrs-Vollversammlung formuliert wurde und in dem die Katholiken eingeladen wurden, an diesem Dialogprozess teilzunehmen. Ich meine, dies war ein ernst gemeinter Versuch, den österlichen Frieden des Auferstandenen in einer pfingstlichen Gemeinschaft weiterzuführen.
Und dann wird auch die Bedeutung der zweiten Pfingstdarstellung aus der Apostelgeschichte für uns wichtig.
Lukas, der auch das dritte Evangelium verfasst hat, schildert das Kommen des Geistes Gottes in gewaltigen Zeichen von Sturm und Feuer, wie wir es aus alttestamentlichen Berichten als Zeichen Gottes kennen.
Die Menschen, die aus aller Herren Länder in Jerusalem lebten, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie die als Galiläer zu erkennenden Jünger Jesu begeistert reden hörten und zwar so begeistert, dass sie verstanden, was sie sagten. Das mag man mit der anzunehmenden mindestens Zweisprachigkeit der Jünger aus Galiläa erklären, aber die Sinnspitze der Darstellung ist sicher eine andere: Alle Welt hört die von Geist ergriffenen Jünger Jesu die Großtaten Gottes verkünden. Was sie sagen, wird verstanden.
Das würde ich mir heutzutage auch wünschen.
Aber aus dem Vatikan kommen andere Signale.
Am 13. Mai hat die päpstliche Kommission Ecclesia Dei eine Instruktion zur Ausführung des apostolischen Schreibens über die so genannte außerordentliche Form der Liturgie, also die tridentinische Messe, erlassen, in der die Rechte ihrer Anhänger weiter gestärkt werden. Und nachgeschoben wurde noch als Antwort auf eine Frage aus Großbritannien, dass bei dieser Messform Ministrantinnen verboten sind.
Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Komik, ist aber andererseits dramatisch, wenn man bedenkt, welche Aufmerksamkeit der Vatikan den Interessen der Traditionalisten entgegenbringt.
Der Sekretär der deutschen Bischofskonferenz verwies in diesem Zusammenhang auf ein insgesamt geringes Interesse an der alten Messe in Deutschland. Gegenwärtig gebe es 11.383 deutsche Pfarreien, aber nur 128 Orte, an denen regelmäßig die Messe in der alten Form gefeiert werde.
Und der Sprecher der katholischen Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann kritisiert, das Papier behandle einen "Nebenschauplatz" und gehe an den Problemen der Kirche in Deutschland vorbei.
Nötiger sei etwa, eine gottesdienstliche Sprache zu entwickeln, "die Gläubigen heute ermöglicht, Liturgie zu feiern. ... Was der Mehrheit auf den Nägeln brennt, taucht in dieser Diskussion überhaupt nicht auf."
Aber man ist vom Vatikan her gewillt, das gottesdienstliche Leben streng an die Kandarre zu nehmen.
Für das vorgesehene neue Gotteslob müssen zwar nicht die Texte der Gebete, wohl aber alle Lieder zumindest für den Stammteil in Rom zur so genannten Rekognoszierung vorgelegt werden und es ist zu befürchten, dass alle unsere Lieder im bisherigen Gotteslob, die nicht haarscharf genau den Text der lateinischen Ordinariumsteile wie z.B. den des Sanctus oder des Gloria wiedergeben, von Rom gestrichen werden.
Wir dürfen in Deutschland zwar beten, wie es die Bischöfe für richtig halten, aber was wir singen, kann nur von Rom letztlich entschieden werden.
Anachronistischer und unpfingstlicher geht es nicht mehr.
Da wäre es gut, wenn die Verantwortlichen einmal im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther nachsehen würden, den wir als (zweite) Lesung gehört haben.
Paulus, dessen Pfingsterlebnis vor Damaskus stattgefunden hatte, war unentwegt als Verkünder des Evangeliums unterwegs und gründete unter anderem die Christengemeinde in Korinth. Als er weiter gezogen war, wurden ihm die Schwierigkeiten im Zusammenhalt und das Auftreten bestimmter Gruppierungen in der Gemeinde gemeldet. Darauf schrieb er seinen Brief, der mit dem klaren Bekenntnis "Jesus ist der Herr" beginnt.
Und dann gibt der Apostel den Korinthern und auch uns sehr diskret und dennoch verständlich geistliche Ratschläge. Er weist eindringlich darauf hin: jedem Christen sind geistliche Gaben, Charismen verliehen. Und jeder möge seine ihm geschenkten Gnadengaben zum Wohl der Gesamtgemeinde einbringen. Es gibt nach Paulus keine höheren und keine niederen Gnadengaben und Dienste.
Die Gaben jedes Einzelnen sind gleich wertvoll.
Und um diese Worte zu unterstützen, fügt der Apostel das Bildwort vom Leib und den vielen Gliedern an. Die Kirche ist, so sagen wir es bis heute, der Leib Christi und wir sind die Glieder dieses Leibes, verschieden, aber jedes in seiner Bedeutung wichtig.
Da tut es gut, noch einmal zu hören, was Erzbischof Zollitsch in seinem Statement vom 20. September 2010 ausgeführt hat:
"Jeder von uns kennt Menschen, die in den verschiedensten Gebieten des gesellschaftlichen Lebens Herausragendes leisten und der Kirche ihre Hilfe und ihren Sachverstand anbieten - aus Respekt und unabhängig von ihrer eigenen Gläubigkeit. … Warum sollten wir nicht dazu einladen, dass sich viele in Wahrhaftigkeit, Mut und Klugheit an diesem Nachdenken beteiligen - und zwar die Priester … und die "Laien", die oft Experten sind.
Das Konzil hat es den Laien ausdrücklich aufgetragen, ihren Sachverstand zum Wohl der Kirche einzubringen: "Entsprechend im Wissen der Zuständigkeit und hervorragenden Stellung, die sie einnehmen, haben sie die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht, ihre Meinung zu dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären", so das Zitat aus dem Konzilsbeschluss Lumen Gentium.
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, antwortet auf die Frage, wie der Dialog in der katholische Kirche Deutschlands vorankommt: "Ich bin angenehm überrascht, in wie vielen Diözesen, Verbänden und Gemeinschaften der Prozess schon in Gang ist. Viele Themen, die in den letzten 20 Jahren verdrängt wurden, sind aufgebrochen und werden offener diskutiert …, auch wenn die Entwicklung in den Diözesen unterschiedlich ist."
Alois Glück dachte dabei wohl an bischöfliche Stimmen wie "nur wer die Offenbarung voll anerkennt und die Glaubenslehre und die Autorität des von Christus eingesetzten Lehramtes als Kriterium annimmt, kann sich katholisch nennen und am Gespräch … teilnehmen, die wir als Bischöfe führen wollen." oder "lehramtlich geklärte Themen…werden nicht zum Thema gemacht."
Er kennt sicher auch Aussagen wie die des Starautors Matthias Mattusek: "Es sind vor allem Diejenigen, die nicht mehr in die Kirche gehen, die ständig über Gleichberechtigung und Demokratisierung reden wollen. Wahrscheinlich, weil ihnen zu den Basics des Glaubens zu Gott, Gebet und Frömmigkeit, nichts mehr einfällt.… Nach dem Vatikanum brach der große Schlendrian aus, da gab es nur noch Soziologie und ansonsten Bildersturm und liturgische Verschlampung.…"
Da tut es gut, die Stimme eines besonnenen Theologen wie die von Eberhard Schockenhoff, dem früheren Regensburger und jetzigen Freiburger Moraltheologen, zu hören, der ausführt:
"Der vorurteilsgeladene Spott, mit dem seit der Ankündigung der Dialoginitiative der deutschen Bischöfe der Begriff "Dialog" in der Kirche von interessierter Seite zurückgewiesen wird, ist keineswegs Ausdruck einer besonderen Treue zum kirchlichen Lehramt. Er verrät vielmehr eine erstaunliche Unkenntnis seiner jüngeren Dokumente und die Absicht, dessen Aussagen nur insoweit anzunehmen, als sie den eigenen kirchenpolitischen Vorstellungen entgegenkommen."
Möge uns der Geist Gottes antreiben, dass wir im Frieden des Auferstandenen, in Offenheit zueinander und deutlich verständlich den Dialog miteinander führen, damit auch heute Pfingsten wieder möglich wird.
Amen
Helmut Heiserer, Predigt an Pfingsten 2011 in Regensburg - St. Anton
zu Apostelgeschichte 2, 1-11;1. Korinther 12, 3b -7.12-13; Johannes 20, 19-23
Das erste Wunder - der heilige Stephanus
Zu Apg 6,8-10; 7,54-60 am 26. Dezember 2011
I
Vorgestern haben wir Heilige Nacht gefeiert, gestern den Christtag. Heute kommt noch ein Fest dazu, ein ganz anderes freilich. Wir denken an den Hl. Stephanus, den ersten Märtyrer der Kirche. Sein Gedächtnis war auch der erste Feiertag der jungen Kirche nach dem Osterfest. So wichtig, dass das später immer wichtiger werdende Weihnachtsfest den Stephanustag nicht abwerten, geschweige denn verdrängen konnte. So sind zwei ganz und gar verschiedene Feste zusammengewachsen. Das mag man Zufall nennen. Heimlich aber verbindet sie ein Gemeinsames.
II
Stephanus war einer der sieben Diakone, die die Apostelgeschichte erwähnt. Zusammen mit seinen Kollegen hatte er die Aufgabe, sich – modern gesprochen – der Caritas anzunehmen, damit sich die Apostel ganz der Verkündigung des Evangeliums widmen konnten. Bei der Ausübung dieses Dienstes kam er mit weiß Gott wie viel Leuten zusammen, kam wohl auch ins Disputieren. Im Grunde hat er vermutlich nichts anderes getan als das, was im 1. Petrusbrief 3,15 allen ins Stammbuch geschrieben ist, die irgendetwas mit Verkündigung zu tun haben: "Seid stets bereit, Rede und Antwort zu stehen über den Grund der Hoffnung, die euch beseelt." –
Die Art, wie Stephanus den jungen christlichen Glauben verteidigte, hat manche allem Anschein nach provoziert, schließlich gereizt bis aufs Blut.
Eines Tages lief das Fass über: Stephanus wurde in einer Art spontanem Pogrom gesteinigt. Der nüchternen Erzählung dieses Ereignisses fügt Lukas in der Apostelgeschichte den Satz an: "Die Zeugen", also die, die gegen Stephanus auftraten, "legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß."
So beginnt die Geschichte vom ersten Wunder, das nach Ostern geschah. Der Mord an Stephanus nämlich wuchs sich zum Auslöser der ersten großen Christenverfolgung aus. Die Zerstreuung eines Gutteils der Jerusalemer Gemeinde in alle Winde hätte nach menschlichem Ermessen zum Zerfall, also zum Ende der jungen Kirche führen müssen. Verblüffenderweise geschah das Gegenteil: Wo immer die in die Flucht geschlagenen Christen hinkamen, erzählten sie auch in der Fremde die Jesus-Geschichten. Und die Leute hörten ihnen zu, hörten ihnen so zu, dass eine nach der anderen neue kleine Gemeinden entstanden. Durch die erste Verfolgung bereits begann die Kirche sozusagen katholisch zu werden im ursprünglichen Sinn dieses Wortes: Sie fing an, die Völker und Sprachen ihrer Zeit zu umfassen.
III
Das freilich war nur die eine Hälfte des ersten Wunders nach Ostern. Die zweite Hälfte hat mit demjenigen zu tun, der beim Mord an Stephanus die Kleider der Steiniger bewachte und also dem Geschehen zustimmte: mit Saulus. Ein paar Verse nach unserer Lesung vorhin erzählt die Apostelgeschichte nämlich davon, dass Saulus durch diese Zeugenschaft bei der Beseitigung des Stephanus zum offenen Christenverfolger wurde. Aber gar nicht so viel später wird sich dieser Saulus bekehren, wird er fortan Paulus heißen und das werden, was man später völlig zu Recht „Völkerapostel“ nennt. Der also, der den christlichen Glauben über den jüdischen Kulturkreis hinaus zu den Heiden trägt und in rastlosen Missionsreisen, die ihn wahrscheinlich bis nach Gibraltar geführt haben, das Evangelium in der damals bekannten Kulturwelt einwurzelte. Der, den Lukas in der Stephanusgeschichte als das heimliche Zentrum der Feindschaft gegen Christus benennt, eben der in Person ist es, der wie kein anderer die Ausbreitung des Glaubens an Christus in der Welt seiner Zeit vorantreibt.
IV
Das sind schon mehr als seltsame Verkehrungen: Indem sie vertrieben wird, findet die junge Gemeinde Heimat. Den einen bestimmten Ort hat sie verloren; dafür ist sie überall zu Hause. Und nicht weniger zum Staunen: Der fanatische Verfolger wird zum brennenden Verkünder. Dieser wunderliche Gang, den die Dinge so nehmen, – das ist auch die heimliche Gemeinsamkeit zwischen dem Stephanusfest und dem Christtag: Gott erweist seine Gegenwart und Treue am allermeisten dort, wo wir es nie und nimmer erwarteten. Tod und Verfolgung werden wie von selbst zu Leben und Segen, wie bei Stephanus und Saulus/Paulus. Der Herr der Gestirne, der dreimal Unbegreifliche, den Erde und Himmel zusammen nicht fassen, der spricht in der Geburt eines Menschenkindes bis zum Innersten seines Wesens aus, wer er in Wahrheit ist - das meint Weihnachten. Ich glaube, zum Christsein gehört ein Stück Aufmerksamkeit auf alles im Leben, was uns Menschen nach unseren Maßstäben nicht einleuchtet. Denn darin will Gott, so scheint es, zu allererst von uns gefunden werden.
V
Und könnte gar sein, dass das auch für unsere unmittelbare Gegenwart gilt? Wir haben als katholische Kirche einen annus horribilis hinter uns, ein Schreckensjahr, in dem sich Supergau an Supergau reihte: Zuerst die Missbrauchsskandale, dann die unsäglichen Geschichten im Bistum Augsburg; das offenkundige kommunikative Versagen römischer Behörden in wichtigen Belangen; ein Papst, der völlig unpolitisch über allem steht und statt zu regieren und bischöfliche Knallköpfe in den Senkel zu stellen, lieber an seinem Jesus-Buch weiterschreibt. Ich verstehe das ja. Ich verstehe es wirklich, weil ich auch lieber Bücher schreibe als im kleinen Geviert einer theologischen Fakultät Politik zu machen, was mir derzeit von meinen Kollegen aufgetragen ist. Aber wenn ich ein Amt habe, dann habe ich es und muss es auch ausfüllen. Und dann die jüngsten Bischöfe in Deutschland, die eigentlich nur durch Peinlichkeiten auffallen. Manchmal denke ich mir: Wie in der Endphase der DDR. Alles Fassade. Wir stehen vor einer Implosion, in der sich die potemkinschen Dörfer der Volkskirche in einer Staubwolke auflösen. Was wird dann bleiben? Auch eine Stephanus-Situation? Ich hoffe es. Denn so etwas hat immer Überraschendes an sich und macht diejenigen, die darin verwickelt sind, jedes Mal zu unverhofft Beschenkten.
VI
Christinnen und Christen sind ja vom Wesen weihnachtliche Menschen - angefangen vom Beschenkt Werden in der Taufe bis hin zu dem Augenblick, da ihr Leben endet und sie in diesem Ende noch einmal unverhofft und überwältigend ins Leben treten, weil sie der in Händen halten wird, der das Leben ist. Genau das hat Stephanus in einer Vision geschaut, als seine Gegner ihn angriffen: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur rechten Gottes stehen, sagte er dafür. Mit Weihnachten ist offenbar geworden, dass Gott für uns alles bereithält, was er hat, sich selbst. Not muss uns darum nicht ängstigen, nicht einmal der Tod. Es wartet das Leben auf uns. Dafür steht heute Stephanus.
Predigt von Prof. Dr. Klaus Müller, Münster,
zum 2. Weihnachtsfeiertag 2011 für die Kirche St. Anton, Regensburg
Eine umfangreiche Sammlung der Sonntagspredigten von Prof. Müller zu den drei Lesezyklen des Kirchenjahres können Sie unter dem folgenden Link lesen: Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Müller - Predigten.
Kein "Haus voll Glorie" - Predigt zum Kirchweihfest 2010
Liebe Schwestern und Brüder,
noch vor wenigen Jahren hat man das heutige Fest groß gefeiert: die Kirche sah sich als das "Haus voll Glorie", und die meisten Katholiken waren stolz auf diesen Prachtbau.
Doch im zu Ende gehenden Jahr haben Stürme an diesem Haus gerüttelt wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Und immer wieder fällt Frost, klirrender Frost, eisige Kälte darauf.
Dahin ist aller Glanz, zerbröckelt alle Pracht! Zur Nachtwächterhütte, zum zerfetzten Zelt ist das "Haus voll Glorie" geworden.
Um es gleich zu sagen, das Bild vom herrlichen Haus hat uns nicht gut getan, ist auch nur bedingt richtig, denn die Kirche ist das Zelt Gottes unter den Menschen, und als solches natürlich Wind und Wetter ausgesetzt.
Und sie sollte nicht mit dem Himmel und auch nicht mit dem Reich Gottes verwechselt werden; in mancher Predigt schien das nicht immer ganz klar zu sein.
Aber jetzt ist unsere Kirche schon ein recht armseliges Zelt:
Wie angewidert gehen manche daran vorbei, als würde diesem Zelt unangenehmer Geruch entströmen; andere sind aufgebracht, ja erbost, als würde niemand so sehr die Freiheit gefährden wie diese machtbesessene Kirche!
Und viele sind tief enttäuscht, weil sie das Gefühl haben, wieder würden bestimmte Kreise jeden Neuanfang zu hintertreiben versuchen.
Und tatsächlich, heiß wird derzeit über die Zukunft der Kirche diskutiert; nicht wenige jedoch sind recht mutlos: sie vermissen einen energischen Willen, sich den Problemen zu stellen und endlich einen neuen Aufbruch zu wagen.
Wie ein zerfetztes Zelt kommt uns derzeit die Kirche vor. Darin lebt es sich nicht gut. Nein, ein solches Zelt ist nicht einladend! Darum müssen wir versuchen, es wieder aufzubauen, es mit Gottes Hilfe wieder mehr in Ordnung zu bringen.
Schauen wir auf den heiligen Franz von Assisi! Jesus forderte ihn auf, die verfallene Kirche wieder aufzubauen; zunächst verstand es Franz ganz wörtlich, er solle das kleine Kirchlein renovieren, das er so gerne hatte. Doch schließlich wusste er, was Jesus von ihm erwartete.
Das ist immer die Aufgabe der Christen, die Kirche aufzubauen!
Natürlich auch das sichtbare Gebäude!
Und wir versuchen ja auch, das zu tun, aber nachdem endlich alle Instanzen einverstanden waren, war es nicht möglich, für den Herbst jetzt eine Firma zu bekommen, die im preislichen Rahmen gewesen wäre.
Darum machen wir für das kommende Frühjahr einen zweiten Versuch: Hoffentlich misslingt er nicht wieder! Der äußerliche Neuanfang wäre freilich nur der erste Schritt. Und dieser Schritt ist nur sinnvoll, wenn wir innerlich, geistlich unsere Kirche, unsere Gemeinde erneuern.
Gewiss, die Verantwortung für die Kirche und damit auch für ihre Erneuerung ist gestuft, die Bischöfe haben viel mehr Verantwortung als die Pfarrer, und die mehr als Pfarrgemeinderatsmitglieder, und die mehr als jemand, der eben seinen christlichen Glauben zu leben versucht und doch: A L L E , w i r A L L E haben Verantwortung für unsere Kirche!
Und wenn wir auf Franziskus schauen, dann müssen wir sagen: Gott geht manchmal eigenartige Wege, auch eigenartige Wege, wenn er die Kirche erneuern will:
Franziskus war Laie, nicht Bischof, nicht einmal Priester.
Und doch, was für ein Zauber ging von ihm aus! Und was für ein Wirbelsturm durchbrauste mit ihm eine völlig verweltliche Kirche.
Mit ihm kam ein neuer Geist in dieses alte, baufällige Gemäuer.
Einen solchen neuen Geist bräuchten wir auch heute; neu müsste er sein, weil wieder ganz auf Gott bezogen, neu auch, weil die Situation der Menschen von heute ganz ernst genommen werden müsste.
Was können wir tun?
Scheinbar kaum etwas; und doch ganz viel: Bei uns anfangen!
Selber wieder bewusster und auch mit Freude unseren Glauben leben!
Unser Glaube strahlt an sich eine große Faszination aus, auch eine intellektuelle: Je mehr man ihn kennt, umso mehr Freude macht er. Setzen Sie sich darum auch geistig mit ihm auseinander!
So lade ich Sie herzlich zum monatlichen Glaubensgespräch ein. Nur wenn wir unseren Glauben kennen, können wir danach leben und in ihm Halt und Freude finden
Vor allem jedoch: Beten wir wieder mehr und intensiver, beten wir ganz eindringlich auch um die Erneuerung unserer Kirche, um die Erneuerung unserer Gemeinde. Bestürmen wir unseren Vater im Himmel im Gebet!
Und feiern wir gerne und voll Vertrauen unsere Gottesdienste mit: Jesus ist bei uns! Er wird uns in unserer Not nicht allein lassen.
Kommen wir gerne und wenn möglich, auch - wenigstens hin und wieder - an den Werktagen!
Nun wird der eine oder andere einwenden: Aber das müssen doch die Bischöfe machen oder zumindest die Priester!
Doch auch unter ihnen sind viele mit dieser Aufgabe überfordert oder sie haben zu wenig Mut, neue Wege zu gehen, das Tor in die Zukunft aufzuschlagen; sie sind zu ängstlich oder vielleicht auch blind für die Zeichen der Zeit, und manche meinen leider, den Sturm einfach aussitzen zu können.
Das ist derzeit - wie es scheint - überall, auch in der Politik recht beliebt: einfach Probleme aussitzen, warten, bis sich das Unwetter verzogen hat.
Doch diese Rechnung könnte sich als falsch erweisen, und sie hat sich schon oft als falsch erwiesen: wir brauchen nur an die Reformation zu denken!
Wenn damals unsere Kirche nicht so lange reformresistent gewesen wäre, hätten wir wohl das Schlimmste, die Kirchenspaltung verhindern können.
Dabei war damals für jeden Gutwilligen das Wetterleuchten, das schon im Hohen Mittelalter begonnen hatte, nicht zu übersehen.
Sind wir aufmerksamer, sind wir sehende Zeitgenossen? Sehen wir wirklich, was sich tut?
Oder verspielen wir erneut unsere Chance oder noch schlimmer: werden wir wieder schuldig, weil wir Gottes Anruf wieder einmal überhören?
Franziskus zeigt uns einen Weg. Hat er etwa auf Bischöfe und Priester gewartet?
Er hat sich einfach von Jesus führen lassen und dann sogar den damaligen Papst für seinen Weg gewonnen. Das Wichtigste also ist, dass wir uns von Jesus führen lassen!
Beten wir, dass er uns einen guten Weg zeigt.
Dann ist mir auch heute um unsere Kirche nicht bang.
Dann wird das zerfetzte Zelt bald wieder ein gutes Aussehen haben; es muss kein Prachtbau sein, das Haus voll Glorie ist nicht das, was die Kirche sein muss.
Aber ein ordentliches Heim sollte es doch sein, ein Heim für alle Menschen, ein Heim, wo alle gerne hingehen und sich zu Hause fühlen, besonders alle, die mühselig und beladen sind!
Amen!
Predigttext: Stadtpfarrer Dr. Anton Hierl, Pfarrei St. Anton, Regensburg
Ein neues Pfingsten
Ein neues Pfingsten - heute!?
Predigt zu Pfingsten 2010 in Regensburg - St. Anton zu
Genesis 11, 1-9 - Apostelgeschichte 2, 1-14 - Johannes 20, 19-22
Schwestern und Brüder im Glauben!
Der ökumenische Kirchentag in München, der vor einer Woche mit einem gemeinsamen Gottesdienst zu Ende ging, brachte für die Teilnehmenden und auch für die, die ihn per Medien verfolgten, beeindruckende Bilder und großartige Erlebnisse. Mutige Diskussionen zu Themen, die sonst als heißes Eisen gelten, waren möglich und es gab schöne Zeichen der Einheit der Christen untereinander.
Die Situation im Alltag unserer Kirche ist allerdings meilenweit von dem entfernt, was da in München erlebt und gefeiert wurde.
Wir müssen einen katastrophalen Verlust von Vertrauen in die Kirche und erschreckend steigende Zahlen von Kirchenaustritten zur Kenntnis nehmen, wir erleben eine dunkle Wolke über der Kirche durch das Bekanntwerden von psychischer, physischer und sexueller Gewalt gegen Kinder, auch durch Seelsorger der Kirche, und wir müssen eine Form von innerem Austritt aus der Kirche durch wachsende Resignation vor allem von engagierten Katholikinnen und Katholiken feststellen.
Ja, ein Pfingsten ist nötig, auch heutzutage und auch bei uns.
Da tut es Not, auf das erste Pfingsten damals in Jerusalem zu schauen. Unter mächtigen Zeichen kommt der Geist Gottes über die Jünger Jesu:
Sturm und Feuer.
"Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren" heißt es im biblischen Bericht. Sturm - das bedeutet Unruhe, Bewegung.
Sturm reißt abgeschlagenes, dürres Geäst fort und wirbelt Staub auf.
Sturm ist aber in der Bibel auch - denken wir an die Geschichte vom Berg Sinai - das Zeichen der göttlichen Macht, die gegenwärtig wird.
Das sagt uns: Gottes Geist bringt Unruhe, Bewegung, scheucht auf, macht frei von altem Schmutz und ist ein Charakteristikum der Kirche, Unruhe durch den Geist.
Ähnliches sagt das andere Zeichen: "Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder".
Das ist ein Bild für das Gesetz der Einheit in der Kirche, sie ist im Feuer des Geistes zusammen geschweißt und zeigt eine zündende Richtung auf die Welt hin.
Im Sturm aus den Mauern heraus und im Feuer der Begeisterung die frohe Botschaft zu verkünden, das ist überzeugend, wird von aller Welt verstanden und viele schließen sich an.
Der Heilige Geist bewirkt große Dinge bei den Jüngern und der Volksmenge. Menschen aus aller Welt werden Zeugen des Geschehens und verstehen. Eine repräsentative Völkerliste macht es deutlich: die Verkündigung wird über alle Welt hinweg gehen, denn "jeder hörte sie in seiner Sprache reden."
Und leider bricht unsere Lesung heute an der Stelle ab, an der davon die Rede ist, dass der früher so ängstliche Petrus mitten unter die Volksmenge tritt und begeistert die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu verkündet.
Da ist nicht mehr "Babel", wovon die erste Lesung als Gegentext berichtet: Wenn Menschen nur auf eigene Kraft und eigene Leistung bauen, ist die babylonische Sprachverwirrung die Folge. Stolz und Arroganz sind das Ende jeder Kommunikation, jeder Einheit miteinander.
Wer sich aber vom Geist Gottes leiten lässt, findet eine Sprache, die jeder versteht, die auf den anderen eingeht, die Einheit schafft.
Einheit in der Vielfalt allerdings: die ganze damals bekannte Menschheit wird aufgezählt; sie bleiben was sie sind, aber sie erleben Gemeinschaft aus und im Geist Gottes. Gott bewirkt die Einheit.
Und dieser Geist Gottes macht Beine: Aus ängstlichen Jüngern werden mutige Zeugen, aus dem Verleugner Petrus wird der mächtige Verkünder zu den Massen und der Inhalt der Predigt ist die Osterbotschaft, die weitergeht in alle Welt und alle Zeit hinein.
Die Zeugen Jesu leben aus der Mitte ihres Glaubens und deshalb tut es gut, im Evangelium nochmals an das Ereignis am Ostertag erinnert zu werden:
Jesus kommt zu den ängstlichen, im verrammelten Haus versammelten Jüngern, ihn kann keine Mauer oder Türe hindern.
Jesus durchbricht die Schranken der Angst. Seine Nähe und die Erkenntnis, es ist der Auferstandene, verändern die Jünger, lassen sie Angst überwinden und Freude bestimmt ihr Leben.
Und Jesu erstes Wort ist das Wort des Friedens.
Wie nötig der Friede ist für alle Welt, in der großen Welt der Politik und der kleinen Welt unseres Alltags, ein Friede, der Versöhnung möglich macht und somit Einheit schafft, wissen wir.
Dass dieser Friede des Auferstandenen weiter wirkt, dass wir untereinander und mit Gott Versöhnung schaffen, dass wir mutig die Zeuginnen und Zeugen seines Geistes sind, dass wir so Vielfalt aushalten und Einheit schaffen können, dazu sendet Gott auch uns seinen Geist, begonnen in der Taufe, bestätigt in der Firmung und immer, wenn wir uns seinem Wirken öffnen. Die heutige Renovabis-Kollekte für Menschen in Osteuropa ist ein solches Zeichen der Solidarität und des Geistes der Einheit.
Das bedeutet Pfingsten heute: Aus den Mauern herauszugehen und eine offene Kommunikation zu wagen.
Nicht eine Verteidigung um jeden Preis oder der Übergang zum Gegenangriff ist glaubwürdig, sondern allein das Eingeständnis auch von Sünde und Schuld und die Frage nach den Gründen.
Das gilt nicht zuletzt für die uns so belastenden Berichte über Missbrauch und Misshandlung von Kindern und Jugendlichen durch Priester. "Dies hat" - um mit den Worten von Kardinal Lehmann zu sprechen - "eine tief greifende Krise… ausgelöst."
Lehmann sagt deutlich: "Wir dürfen uns als Kirche nicht wundern, wenn wir streng - gewiss auch manchmal mit Schadenfreude und Häme - an jenen Kriterien gemessen werden, mit denen die Kirche ihre sittlichen Überzeugungen vertritt, besonders in Hinsicht der Sexualität. Die aufgedeckten Missbrauchsfälle wirken hier wie ein Bumerang".
Und zur Frage des Umgangs der Verantwortlichen mit dieser Problematik erklärt der Bischof von Trier, Stefan Ackermann: "Wir haben falsche Rücksichten genommen. Falsche Rücksichten auf den Ruf den Kirche, auf bestimmte Institutionen, auf den Ansehensverlust…".
Solche Worte sind wichtig und nötig, wenn Kirche wieder glaubwürdig werden soll.
Nicht sinnvoll ist es allerdings, von einer antikirchlichen Verfolgung durch die Presse zu sprechen und der Presse einen Missbrauch des Missbrauchs zu unterstellen, um der Kirche zu schaden.
Im Gegensatz dazu hat Papst Benedikt auf seiner Reise nach Fatima in diesem Zusammenhang formuliert:"Heute sehen wir in wirklich erschreckender Weise, dass die größte Verfolgung der Kirche nicht von Feinden außerhalb kommt, sondern aus der Sünde innerhalb der Kirche entsteht. Die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren. Die Sünde existiert im Inneren der Kirche."
Neben dieser Ehrlichkeit und dem Bekenntnis dazu, dass die Kirche eben nicht nur eine Kirche der Heiligen, sondern auch eine Kirche der Sünder ist, gehört auch eine Sprache der Kirche, die jeder versteht, keine abgehobene Insidersprache, sondern eine für die Menschen unserer Zeit verständliche.
Es ist z. B. unverständlich, wieso im neuen Beerdigungsbuch bei der Bitte für den Verstorbenen an der Stelle, an der es früher hieß: "Wir bitten Dich, nimm ihn auf und gib ihm Wohnung und Heimat bei Dir" jetzt gebetet werden soll: "Die Ohren Deiner Barmherzigkeit mögen daher für unsere Bitten offen stehen…"
Solche skurrile Sprache mit fast unfreiwilliger Komik geht zurück auf eine Instruktion des Vatikans aus dem Jahr 2001, in der eine möglichst lateingetreue Übersetzung der Gebetstexte gefordert wird.
In den USA hat dies angesichts der englischsprachigen Übersetzung des Messbuches bereits zu massiver Verwirrung geführt und der frühere Vorsitzende der dortigen Liturgiekommission, Bischof Donald Trautmann, hat sie als "elitär und weit weg von den Menschen" und vom heutigen Englisch bezeichnet.
Das Bemühen um eine "heilige Sprache" gehe auf Kosten der vom Zweiten Vatikanum geforderten "edlen Einfachheit". Die Einführung des neuen Messbuchs werde zu einem "Desaster" führen, so der Bischof. Das eben zitierte Gebet aus dem neuen Begräbnisritus ist auf der Grundlage derselben Instruktion formuliert. Und Ähnliches und genau so Schlimmes ist zu erwarten, wenn hier nicht noch ein "Sprachenwunder" im Vatikan passiert.
Es gibt aber auch eine Zeichensprache, die ebenso unverständlich sein kann.
Es ist schon erstaunlich, mit welchen Mätzchen sich etwa die Kongregation für den Gottesdienst beschäftigt, von der im Amtsblatt unserer Diözese zu lesen war, dass sie die Frage: "Ist es bei der Konzelebration mehrerer Priester erlaubt, dass jeder einen der Kelche vor der Schlussdoxologie des eucharistischen Hochgebetes ergreift?" mit "Nein" beantwortet.
Eine glückliche oder auch armselige Kirche wären wir, wenn uns keine anderen Probleme beschäftigen würden.
Ähnlich anachronistisch wirkt es, wenn der Papst, seit er seinen neuen Zeremoniar hat, in möglichst antiquierten Kleidungen erscheint. Sein erster Vorläufer, Petrus, war Fischer und bekäme wahrscheinlich einen Wut- oder Lachanfall, wenn er sehen würde, in welch nostalgischem Outfit aus Brokat, Seide, Hermelin und meterlanger Spitze sein jetziger Nachfolger die frohe Botschaft der Welt von Heute verkündet.
Es ist schon wahr, was der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick formuliert: "Wir haben zu viel Institution Kirche und zu wenig Jesus Christus."
Ja, es ist wahr, wir bräuchten ein neues Pfingsten heute, orientiert am ersten Pfingsten in Jerusalem.
Ein solches neues Pfingsten sollte das Zweite Vatikanische Konzil sein, in dem der damalige Papst Johannes XXIII. vom Öffnen der Fenster, vom Aggiornamento, also der "Verheutigung" der Botschaft der Kirche, und der Kirche als "Volk Gottes unterwegs" sprach.
In zwei Jahren jährt sich der 50. Jahrestag der Einberufung dieses Konzils.
Die deutschen Bischöfe haben dazu eine Arbeitsgruppe gebildet, die nun über die Präsenz der Kirche in der Öffentlichkeit beraten soll.
Die Arbeitsgruppe besteht allerdings nur aus drei Bischöfen, und man hat wohl die Botschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht ganz verstanden, wenn an solchen Überlegungen keine Laien beteiligt sind und nicht die wirklichen Anliegen des Gottesvolkes auf- und ernst genommen werden wie etwa die der eucharistischen Gastfreundschaft zwischen katholischen und evangelischen Christen, zumindest in konfessionsverbindenden Ehen, und etwa der Frage nach dem Zugang zum Priesteramt, der - entgegen etwa der Tradition der östlichen, auch katholischen Kirchen - durch das Zölibat vielen wertvollen Kandidaten verwehrt wird.
Nicht nur verständlich sprechen soll die Kirche, sondern auch hinhören, was das Volk Gottes den Inhabern der Leitungsämter heute zu sagen hat.
Nicht nur Erinnerung ist zu planen, sondern Pfingsten ist heute zu leben.
Das bedeutet auch, unterwegs bewegt bleiben, zusammen stehen und gleichzeitig sich öffnen, Einheit in der Vielfalt wagen. Der ökumenische Kirchentag sprach davon, "einen neuen Anfang zu wagen", nach dem Motto "damit Ihr Hoffnung habt". Reden wir nicht nur davon, sondern tun wir es, damit auch heute Pfingsten wird.
Amen.
Predigttext: Pfarrer Helmut Heiserer, Kinderzentrum St. Vincent
(Foto: Heinz Vogl)
Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben. Sie wird nicht von denen kommen, die nur Rezepte machen, die sich nur dem jeweiligen Augenblick anpassen, die nur andere kritisieren, die nur den bequemeren Weg wählen. Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden.
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